Bericht zur Gefährdung des Wildlachsbestandes
Hamburg (SG) - Acht Lachse durften wir am Ende einer aufregenden Woche am Mandalsfluss in die Fangbücher des Lachscenters eintragen. Und gewiss auch ein wenig stolz sein, eine solche Ausbeute erzielt zu haben! Denn der Lachsaufstieg im Jahr 2007 ist außergewöhnlich mager ausgefallen:
An fast allen norwegischen Flüssen machte ein fischreicher Juni noch Hoffnungen auf eine interessante Saison. Auch viele große Fische wurden gefangen. Bereits im Juli gingen die Fänge jedoch zurück und vor allem die kleineren Sommerlachse (Grilse) blieben fast völlig aus. Diese kleineren Lachse strömen zumeist in Hoher Anzahl in den Fluss. Man hat also im Prinzip gute Aussichten, einen solchen Spaßmacher an die Lachsrute zu bekommen. Lachsfischen weist eine gewisse Regelmäßigkeit auf und wenn man bedenkt, dass ein Lachs nach etwa drei Jahren zum ersten Mal zum Laichen in den Fluss zurückkehrt, ist es nicht verwunderlich, dass nach 2004 nun eben auch 2007 mit schlechteren Fängen zu rechnen ist. Das zumindest kann man der Fangstatistik des Mandalsflusses entnehmen. Die Zahlen zeigen aber auch einen generellen Rückgang der Fänge, was nicht allein am Zyklus der Lachswanderung liegen kann, sondern für den Lachsbestand sehr gefährliche Faktoren als Ursache hat.
Da wäre zum Beispiel die Netzfischerei: Der am häufigsten verlautete Grund für den Rückgang des Lachsbestands ist die Netzfischerei in den Fjorden, Mündungen und zum Teil direkt im Unterlauf der Flüsse. Eine Theorie, die durchaus nachvollziehbar ist, denn nicht selten haben gefangene Fische Netzverletzungen. In der Gaula hatten mitunter die Hälfte meiner Fische diese Verletzungen und eine Fahrt entlang der Fjorde zeigt deutlich, wie schwer der Weg der Lachse durch die Maschen der Netzte ist. Sicher gibt es die Netzfischerei schon so lange wie die Fischerei mit der Angel, jedoch muss hier auf lange Sicht durchgegriffen werden, wenn der Angeltourismus am Leben erhalten werden soll. Der Staat wird hier durchgreifen müssen, denn ein Angler bezahlt für ein Kilogramm gefangen Lachs um ein Vielfaches mehr als für die gleiche Menge gekauften Lachs. Im Umkehrschluss verdienen die Grundeigentümer der Flussabschnitte, die Angelführer, die Pensionen und damit nicht zuletzt der Staat an den Anglern mehr als an denen, die Ihren Lachs beim Fischer kaufen. Doch der Rückgang des Lachsbestands ist nicht einzig auf die Netzfischerei zurückzuführen, denn diese gab es auch schon vor zwanzig Jahren und auch die Fischer stöhnen heute über magere Ausbeuten. Also sind weitere Einflüsse zu berücksichtigen wie zum Beispiel die Fischfarmen!
Der Wildlachsbestand ist vor allem durch die wachsende Zahl von Fischfarmen gefährdet. Junge Zuchtlachse wandern mit den wilden Smolts zu den Fressgründen. Ältere, aber noch nicht geschlechtsreife Zuchtlachse bleiben gerne im Bereich der Haltung bis sie mit Eintreten der Geschlechtsreife in die nächsten Flußmündungen ziehen. Entkommene, bereits geschlechtsreife Tiere zeigen Unruhe mit deutlicher Orientierungslosigkeit. Solche Fische hat man schon bis zu 1.000 Kilometer entfernt an der Küste wieder gefangen! Zuchtlachse steigen wesentlich später auf als Wildlachse und sofern sie überleben, verlassen sie den Fluss auch wesentlich früher. Die gezüchteten Weibchen zeigen zudem Verhaltensstörungen und sind für Milchner weniger attraktiv als Wildfische. Daher kommt es zu einer schlechteren Schlupfrate gegenüber Wildfischen. Ihre Vermehrungsrate liegt deutlich unter der von Wildlachsen, was auch an den fehlenden arttypischen Verhaltensmustern liegt. Erst die Folge-Generationen sind von Wildfischen kaum noch zu unterscheiden.
Leider kommt hinzu, dass die Infektion mit Lachsläusen aus Fischfarmen oder lediglich durch den Kontakt mit aus Fischfarmen entflohenen Zuchtlachsen, eine immer größere Rolle beim dramatischen Rückgang der Wildlachse spielt. Lachsläuse sind Parasiten, die sich an Lachsen festsaugen und sich im Schleim der Fischhaut vermehren. Die Läuse ernähren sich von Haut und Fleisch und führen bei einer Anzahl von 10 bis 15 Läusen bereits zum Tod der Fische. Da die Läuse auf Lachsfleisch angewiesen sind, um sich vermehren zu können, sind sie normalerweise in den Wintermonaten in den Fjorden nicht anzutreffen, da es dort auch keinen Wildlachs gibt. Doch die große Anzahl von Fischfarmen im Meer hat dieses Gleichgewicht zerstört und mittlerweile gibt es jetzt das ganze Jahr über Millionen Zuchtlachse in Küstennähe, von denen sich die Lachsläuse ernähren können. Eine neue Studie, die der WWF zusammen mit der Atlantischen Lachs Gesellschaft (Atlantic Salmon Federation) vorgestellt hat, zeigt, dass mittlerweile auf jeden Wildlachs 48 Zuchtlachse kommen, ohne dass geeignete Maßnahmen zum Schutz der Wildlachsbestände unternommen wurden! Studien haben ergeben, dass insbesondere die Smolts im Zeitraum zwischen Abstieg ins Meer und Auftauchen in den Fressgebieten rund um Grönland und Faröer von den Läusen befallen werden und der Bestand schwindet. Auch der Klimawandel macht dem Wildlachs zu schaffen: Einen möglichen Erklärungsversuch für den Schwund der Smolts im Meer knüpften neue Studien an die veränderten Temperaturen im Nordatlantik. Die Vorzugstemperatur für den Aufenthalt von Lachsen liegt im Bereich von 6 bis 9 Grad Celsius. Besonders bevorzugt werden dabei die Grenzgebiete zwischen warmen und kalten Strömungen, an denen auch die Nahrungsdichte am höchsten ist. Die Lage dieser Randzonen im Nordatlantik hat sich in den Jahren nach 1984 erheblich verschoben. Seit dieser Zeit ist somit eine nennenswerte Lebensraumverschlechterung für den Lachs im Nordatlantik eingetreten. Die Überlebensrate im Meer hat sich seitdem auf etwa die Hälfte verringert. Ein weiteres Indiz dieser Verschlechterung ist der Ernährungszustand der vor Grönland gefangenen Lachse. Deren Durchschnittsgewicht hat sich für die europäische Population von 3,8 auf 3,0 Kilogramm vermindert.
Alles in allem könnte in der Verschiebung der Meerestemperaturen eine Ursache für die derzeitige Lachs-Misere liegen. Ferner werden auch aus dem Gleichgewicht geratene Räuber-Populationen für den Rückgang verantwortlich gemacht. In erster Linie wurde in diesem Zusammenhang der Gänsesäger genannt, in dessen Magen pro Individuum und Jahr nach den angeführten Untersuchungen 1.000 Smolts landen können! Ähnlich wie beim Klimawandel kann dieser Prozess nur durch Sofortmaßnahmen verlangsamt, keinesfalls aber gestoppt werden. Bereits in etwa zehn Jahren ist zu erwarten, daß ein Großteil der norwegischen Lachsstämme vom Zuchtlachs genetisch verdrängt sein werden. Wie immer in solchen Fällen, zeigen sich lediglich die Betroffenen bereit zu helfen und so wird das Zurücksetzen von Lachsen immer populärer. In diesem Jahr wurde sogar ein Verbot ausgesprochen, wonach keine Lachsweibchen mehr entnommen werden dürfen. Eine Maßnahme, die dem Fisch bewiesener Maßen keinen Schaden zufügt und dem Lachsbestand auf die Flossen hilft. Es bleibt abzuwarten, inwieweit wir Angler bei diesen Maßnahmen von anderen Interessengruppen unterstützt werden, um das große Abenteuer "Lachsangeln" auch unseren Kindern noch ermöglichen zu können!
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